
Vom Cost-Center zum Vertriebskanal
Warum Kundenservice bei Energieversorgern zum Wachstumstreiber werden muss
September 2026

Alexander Bernecker

Christian Lüftner
Viele Energieversorger betrachten ihren Kundenservice noch immer primär als Kostenfaktor. Dabei liegt genau hier einer der am meisten unterschätzten Wachstumstreiber: der direkte Kundenkontakt. Viele Kundenkontakte wie Rechnungsklärung, Umzug, Tarifanfrage und Vertragsverlängerung bieten die Chance, Kundenbeziehungen zu stärken, zusätzlichen Mehrwert zu schaffen und gleichzeitig Umsatzpotenziale zu realisieren.
Gerade in einem Markt, der von zunehmendem Wettbewerb, steigender Wechselbereitschaft der Kunden, regulatorischen Veränderungen und der Energiewende geprägt ist, wird der Kundenservice zu einem strategischen Hebel für Wachstum und Kundenbindung.
Der Perspektivwechsel: Service und Vertrieb als eine Einheit
Kunden kontaktieren ihren Energieversorger in Momenten hoher Aufmerksamkeit und Relevanz. Wird ihr Anliegen schnell, transparent und kompetent gelöst, entsteht Vertrauen. Genau an diesem Punkt können passende Angebote, Tarifoptimierungen oder zusätzliche Energielösungen einen echten Mehrwert für den Kunden schaffen.
„Sales in Service" verfolgt dabei nicht das Ziel, Kunden mit Verkaufsbotschaften zu überfrachten. Vielmehr geht es darum, Servicekontakte intelligent zu nutzen, um:
- die Kundenbindung zu erhöhen,
- die Kundenzufriedenheit zu sichern oder auszubauen,
- Einwilligungen für vertriebliche Kontaktaufnahme und Datennutzung zum Profiling (Permissions/Opt-Ins) einzuholen,
- Cross- und Up-Selling-Potenziale zu erschließen,
- Leads für neue Energielösungen zu generieren,
- Kündigungen zu vermeiden und Vertragslaufzeiten zu verlängern.
Besonders relevant sind dabei Angebote entlang der Energiewende: Ökostrom- und Wärmestromtarife, Photovoltaik-Lösungen, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Wallboxen, E-Mobility-Angebote oder intelligente Energie-Management-Systeme.
Der entscheidende Grundsatz dabei: Servicequalität und Erstlösungsquote dürfen niemals unter Vertriebszielen leiden.
Die vier Erfolgshebel für Sales-in-Service-Exzellenz
Erfolgreiche Energieversorger betrachten Sales in Service nicht als einzelne Maßnahme, sondern als das Zusammenspiel mehrerer Erfolgshebel. Erst wenn diese systematisch aufeinander abgestimmt werden, entsteht ein nachhaltiger Beitrag zu Kundenbindung, Vertriebserfolg und Wertschöpfung.
Der pragmatische Weg zum Erfolg: Klein starten, schnell lernen
Viele Energieversorger scheitern daran, sofort die perfekte Lösung entwickeln zu wollen. Erfolgreiche Sales-in-Service-Initiativen folgen einem pragmatischen Vorgehen und werden professionell begleitet.
In einer ersten Pilotphase wird mit einer kleinen Gruppe motivierter Mitarbeitender und wenigen standardisierten Angeboten gestartet, um erste belastbare Erkenntnisse über Kundenreaktionen und Erfolgsfaktoren zu gewinnen.
Anschließend werden Trainings-, Coaching- und Steuerungsmechanismen schrittweise professionalisiert, Angebotslogiken erweitert und erste datenbasierte Ansätze zur Potenzialidentifikation integriert.
In der Skalierungsphase erfolgt die Verankerung in Prozessen und Systemen: Vertriebsrelevante Kontakte werden gezielt identifiziert, Mitarbeitende durch intelligente Empfehlungen unterstützt und erfolgreiche Ansätze ausgerollt. Der Schlüssel liegt im konsequenten „Test & Learn"-Ansatz: kontinuierlich messen, optimieren und skalieren.
Die nachhaltige Umsetzung ist dabei kein Sprint: Wird Sales in Service neu aufgebaut, sind 6 bis 12 Monate realistisch, ein bestehendes System lässt sich in 3 bis 6 Monaten deutlich optimieren.
KI als Umsetzungsbeschleuniger gezielt einsetzen
KI wird Sales in Service nicht vollständig ersetzen, aber die Umsetzung deutlich beschleunigen: Sie kann Kontaktanlässe automatisch klassifizieren, Wechselrisiken frühzeitig erkennen und passende Next-Best-Actions vorschlagen.
Besonders wirksam wird KI in der konkreten Unterstützung des Alltags – etwa durch intelligente Gesprächsvorbereitung, Echtzeit-Hinweise im Kundendialog oder automatisierte Lead-Bewertung. Voraussetzung bleibt, dass Angebotslogiken, Prozesse und Verantwortlichkeiten klar definiert sind. KI ist kein Ersatz für saubere Umsetzung, sondern ein Hebel, um Sales in Service skalierbarer und wirksamer zu machen.
Fazit
Kundenservice und Vertrieb sind für Energieversorger keine Gegensätze – im Gegenteil: Hier müssen die Silos aufgebrochen werden. Richtig umgesetzt stärkt Sales in Service die Kundenbeziehung, erhöht die Zufriedenheit und erschließt signifikante Umsatzpotenziale.
Energieversorger, die ihren Kundenservice zum aktiven Vertriebskanal weiterentwickeln, schaffen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil – nicht durch aggressiven Verkauf, sondern durch relevante Angebote zum richtigen Zeitpunkt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Sales in Service sinnvoll ist, sondern wie schnell man beginnt, dieses Potenzial systematisch zu erschließen.

Alexander Bernecker
Partner | Branchenleiter Energiewirtschaft/Telekommunikation
Alexanders Leidenschaft liegt in der optimalen Ausgestaltung von Kundenbeziehungen. Und zwar beidseitig für Unternehmen und deren Kunden. Seinen Beratungsschwerpunkt legt Alexander daher auf die Wertsteigerung und Stabilisierung von Kundenbeziehungen durch Insights & Analytics, personalisiertem Kundenmanagement über Omnichannel Strukturen und Operational Excellence. Sein fachlicher Hintergrund ist stark durch internationale operative Verantwortungen in Marketing & Vertrieb, Customer Management & Experience sowie Product & Proposition Management geprägt. Zuletzt als Vertriebsgeschäftsführer eines deutschen IT Unternehmens, davor als Chief Commercial Officer bei einem Telekommunikations-Konzern oder auch als Marketing Leiter der ehemaligen Eplus.
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